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Digital-Stratege Rainer Gimbel setzt auf die Methode "Working out Loud", um die Zukunft der Arbeit bei Evonik mitzugestalten
Digital-Stratege Rainer Gimbel setzt auf die Methode "Working out Loud", um die Zukunft der Arbeit bei Evonik mitzugestalten
Digitalisierung

#EvonikDigital-Interview

„Netzwerkeinladung statt Visitenkarten“

Rainer Gimbel setzt bei Evonik auf Zusammenarbeit in sozialen Netzwerken. Im Gespräch erklärt er, wie das mithilfe von „Working Out Loud“ funktioniert und warum das nicht nur für die Arbeit wichtig ist, sondern auch noch Spaß macht.

Rainer, du treibst bei Evonik seit vielen Jahren das konzerninterne soziale Netzwerk voran. Dabei nutzt du vor allem auch die Methode „Working Out Loud“ - was ist das?

Im Grunde geht es darum, wie ich mich vernetze, um mein Wissen zu teilen und von geteiltem Wissen selbst zu profitieren. Das heißt, ich mache meine Arbeit für andere zugänglich, veröffentliche Ergebnisse - manchmal auch nur einen Entwurf. Dann können meine Kollegen bei Bedarf darauf zugreifen und mir Feedback geben.

Für mich ist es zuallererst eine Geisteshaltung. Die eigene Großzügigkeit steht ganz vorne. Wenn ich meine Arbeit teile, erwarte ich keine Gegenleistung. Es muss auch nicht zwangsläufig Information sein, die ich jemanden zur Verfügung stelle. Es kann auch Aufmerksamkeit sein. Das produziert ja wiederum Aufmerksamkeit der Gegenseite, vielleicht bei jemandem, der mir helfen kann, ein Problem zu lösen oder ein Ziel zu erreichen

Das klingt ja alles erstmal ziemlich analog - was hat das mit Digitalisierung zu tun?

Digitale Technologien ermöglichen bei dem Aufbau und der Pflege eines Netzwerks Möglichkeiten, die es bis vor einigen Jahren nicht gab. Ich kann wesentlich größere Netzwerke pflegen und ich habe mit meinen Beiträgen über mein Netzwerk eine höhere Reichweite. Diese Netzwerkkontakte aufrecht zu erhalten, ist dabei der Knackpunkt.

Hast du Tipps, um das eigene Netzwerk lebendig zu halten?

Zum einen mit der vorhin angesprochenen Sichtbarmachung der eigenen Arbeit. Ergebnisse, auch Zwischenstände, zu präsentieren hält andere auf dem Laufenden.

Dann gibt es noch die phatische Kommunikation. Kaum einer weiß, was das bedeutet, aber jeder tut es. Die Postkarte aus dem Urlaub gehört zum Beispiel dazu. Es ist letztlich Kommunikation ohne wesentlichen Informationsgehalt, die aber dazu dient, Netzwerke und Kontakte zu pflegen. Übertragen auf die digitale Berufswelt wäre das beispielsweise das Selfie vom Seminar oder der Hinweis, dass man heute an einem anderen Standort zu Besuch ist. So bleibt man für sein Netzwerk sichtbar.

Darüber hinaus ist es wichtig, die Netzwerkgrenzen zu übertreten. Das Empfehlen oder Teilen von Beiträgen ermöglicht es meinen Kontakten, Beiträge anderer Nutzer zu sehen, die sie nicht in ihrem Netzwerk haben. Interessanterweise sind genau das die Szenarien, in denen Innovationen entstehen können.

Foto: iStock / Kenishirotie

Hast du Beispiele, was du mit „Working Out Loud“ bisher erlebt hast?

Na klar! Nimm zum Beispiel John Stepper, den Erfinder der Lern-Methode „Working Out Loud“. Als ich 2012 seinen öffentlichen Blogeintrag zum Thema Working out Loud gelesen habe am, dachte ich: „Wow, das ist ja ein Guru. Was will der mit einem ganz normalen Typen wie mir zu tun haben?“ Tja, und letztes Jahr im Mai hat er uns dann bei Evonik Digital besucht und eine Keynote sowie einen Workshop für interessierte Kollegen gehalten. Heute fragt er mich immer, "was das Tanzen macht", weil er sich erinnert, dass ich jeden Freitag mit meiner Frau tanzen gehe.

Der Weg dahin war wie aus dem „Working Out Loud“-Lehrbuch: Erst folgte ich ihm bei Twitter, dann bei LinkedIn, teilte und kommentierte hier und da. Ich zeigte die Aufmerksamkeit, über die wir vorhin gesprochen haben. Er bedankt sich, wir schreiben hin und her. Und so baut man gegenseitiges Vertrauen auf und es ergibt sich eine Beziehung zu jemandem - darum geht’s ja am Ende.

Wie kann man denn die Methode lernen?

Nach der Methode von John Stepper können sich die Kollegen in sogenannten Zirkeln 12 Wochen lang regelmäßig in einer kleinen Gruppe austauschen. Dabei werden Übungen durchlaufen die die Teilnehmer dabei unterstützen, Working Out Loud in die Praxis umzusetzen.

Und innerhalb des Unternehmens?

Ich habe auch viele Kollegen besser kennen lernen können. Es ist wahnsinnig interessant, den Menschen sozusagen hinter der Krawatte zu erleben. Ich hätte nie mitbekommen, dass eine Kollegin eine erfolgreiche YouTuberin mit 40.000 Abonnenten ist. Inzwischen weiß ich, dass wir bei Evonik Kollegen haben, die in ihrer Freizeit Science-Fiction-Romane schreiben, andere sind begnadete Maler oder arbeiten als Model. Und für einen selbst ist es ja auch toll, mal zu zeigen, was man an Talenten hat. Auch dazu dient „Working Out Loud“: Ungenutzte Potentiale jenseits der Stellenbeschreibung bei sich selbst oder anderen zu finden - die mir oder dem Unternehmen in Zukunft helfen können.

Wie hilft das bei der Arbeit?

Der Satz "Wenn Evonik wüsste, was Evonik weiß" führt gut vor Augen, was „Working Out Loud“ bewirken kann: Wissen verfügbar machen. Dafür müssen möglichst viele mitmachen. Früher haben wir bei Terminen Visitenkarten ausgetauscht. Leider landete dieser Kontakt dann häufig in der Schublade. Statt der Visitenkarte gibt’s heute die Einladung ins Netzwerk. Und die Möglichkeit, für beide Seiten von dem Kontakt zu profitieren.

Was sagst du Kollegen, die dem Konzept kritisch gegenüber stehen nach dem Motto: „Das habe ich die letzten 20 Jahre nicht gebraucht - das brauche ich auch die nächsten 20 nicht“?

Vorweg: Man kann niemanden zu „Working Out Loud“ zwingen. Die Methode erfordert aktive Mitarbeit, wenn jemand das nicht will, klappt’s nicht. Was aber viele überzeugt, ist folgendes: Wenn ich meine Arbeit und mein Wissen verfügbar, also öffentlich zugänglich mache, muss ich nicht dutzende Male per Mail oder Telefon die gleichen Fragen beantworten - ich habe mehr Zeit für wichtige Dinge. Und wenn ich meine Arbeit sichtbar mache, dann entscheidet nicht mehr nur mein Chef über die Qualität meiner Arbeit, sondern vor allem mein Netzwerk.

Stichwort öffentlich zugänglich und sichtbar: Läuft man nicht Gefahr, Interna preiszugeben, die eben nicht in die Öffentlichkeit sollen?

Was vertraulich ist, soll vertraulich bleiben - das ist keine Frage. Es geht vor allem um die ungefähr 80 % an Informationen die nicht vertraulich sind. Wenn wir dieses Wissen großzügig miteinander teilen, profitiert jeder davon.