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Innovation

„Wir brauchen den Mut, langfristig zu denken!“

Wer an Innovation denkt, kommt an Singapur nicht mehr vorbei: Im Interview berichtet Dr. Ulrich Küsthardt, Chief Innovation Officer bei Evonik, von den Erfolgsfaktoren des Stadtstaats und erklärt, was Deutschland davon lernen kann.

Insbesondere bei zukunftsweisenden Themen ist Singapur ein Hotspot für Forschung und Entwicklung in der Region Südostasien. Auch Evonik nutzt das besondere Umfeld - mit dem Projekthaus „Tissue Engineering“ und dem kürzlich eröffneten Forschungszentrum für Ressourceneffizienz

Warum hat sich Evonik für die Einrichtung eines Forschungszentrums in Singapur entschieden?

Singapur ist ein Ort, an dem viele Dinge zusammenkommen: die Vielzahl von Spitzenforschern und Talenten. Außerdem wird dort heute schon an Themen wie 3D-Druck oder Tissue Engineering gearbeitet, die für die Zukunft relevant und für uns interessant sind. Und schließlich wurde in Singapur auf kleinstem Raum ein Innovations-Ökosystem aufgebaut, das Universitäten, Start-Ups und Industrie zusammenbringt. Ideale Voraussetzungen also für einen Innovationsstandort.

Haben die Menschen in Singapur regelrecht ein Gespür für die Zukunft?

Dazu habe ich einmal einen schönen Spruch gehört: „Zukunft ist nicht etwas, in das man eintritt, sondern etwas, das man gestalten kann.“ Im Grunde entsteht die Zukunft gerade. Singapur hat es geschafft, Menschen verschiedenster Nationalitäten zusammenzubringen, die ihre innovative Denkweise verbindet. Diese Vielfalt ist einer der Erfolgsfaktoren.

Kann ein Unternehmen in dieser Umgebung größere Sprünge machen als in Deutschland?

Nicht genere­­ll das hängt von den Themen ab. Mit der „Creavis“, der strategischen Innovationseinheit von Evonik in Marl, zeigen wir seit 20 Jahren, dass man Forschung auch in Deutschland hochinnovativ und erfolgreich betreiben kann. Aber ich halte es für äußerst wichtig, dass wir als internationales Unternehmen eben auch international Innovationen vorantreiben. Zumal bestimmte Orte für bestimmte Themen prädestiniert sind; wie eben Singapur im 3D-Druck oder Tissue Engineering.

Dr. Ulrich Küsthardt, Chief Innovation Officer bei Evonik, im Interview
Dr. Ulrich Küsthardt, Chief Innovation Officer bei Evonik, im Interview

Kann Deutschland etwas von Singapur lernen?

Absolut. Die Vielfalt dort ist ja nicht von allein entstanden. Die Regierung hat sehr intelligent in die Zukunftsthemen investiert und eine hervorragende Landschaft um sie herum aufgebaut. Die staatliche Steuerung war in diesem Fall extrem hilfreich. Zumal sie nicht willkürlich ansetzt, sondern bestimmte Trend-Themen fokussiert und entsprechende Ansiedlungen forciert hat. Und das in der ganzen Bandbreite: von der universitären Forschung über anwendungsnahe Institute bis hin zu Start-Ups und weltweit agierenden Firmen. Letztendlich ist der Regierung sehr bewusst, dass über die Innovation der Sprung zu einer erfolgreichen Zukunft des Landes möglich ist.

Diese langfristige Perspektive und die Fähigkeit, ganzheitlich zu denken, sind extrem wichtig. Haben Sie den Eindruck, dass dies in Deutschland ein Stück weit abhandengekommen ist und zum Beispiel in das Thema Bildung zu wenig investiert wird?

Auf jeden Fall, das ist eines unserer Grundprobleme. Der Staat Singapur agiert langfristig und investiert viel Geld in Themen, bei denen die Ergebnisse nicht innerhalb von drei bis vier Jahren, also in einer Wahlperiode, zu erwarten sind. Häufig werden andere erst Jahrzehnte später die Früchte ernten. Das trotzdem anzugehen, kostet Mut - und der fehlt hier ein Stück weit.

Sehen Sie die Gefahr, dass Deutschland als Innovationsträger abgehängt wird?

Es gibt bereits jetzt Bereiche, in denen uns andere Länder abgelöst haben. Deutschland hat aber weiterhin Stärken, auf die wir uns besinnen und mit denen wir uns mutiger positionieren sollten. Eine Grundvoraussetzung, um weiterhin zu den Innovationsträgern zu gehören, ist allerdings Bildung: Meiner Ansicht nach ist hier ein Stück weit mehr Steuerung der Universitäten nötig, um ähnlich wie in Singapur thematische Zentren zu schaffen.

Zum Abschluss: Was brauchen Sie persönlich, um innovativ zu sein?

Ich versuche, mich jung zu halten. Kinder probieren Dinge aus – und wenn sie hinfallen, stehen sie einfach wieder auf. Im Alter besteht die Gefahr, dass die Erfahrung überwiegt und blind für neue Wege macht. Deswegen versuche ich bewusst, mir diese kindliche Perspektive zu erhalten.