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Pressemitteilung
Standort Lülsdorf
12. Dezember 2013

Teil 23: Die Auswirkungen des Standorts auf Lülsdorf und Umgebung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten die rund 800 Einwohner von Lülsdorf größtenteils von der Landwirtschaft. Neben einigen großen Betrieben, fanden sich auch viele Klein- und Kleinstbetriebe. Handel und Gewerbe waren zu dieser Zeit wenig entwickelt, auch die Verkehrsanbindung war mangelhaft. Dies änderte sich mit den Plänen zweier Männer: 1912 interessierte sich der Industrielle Hugo Stinnes für ein Verfahren von Dr. Meyer Wildermann zur Herstellung von Ätzkali (Teil 2 unserer Serie). Wildermann hingegen wollte sein Verfahren gerne industrialisieren. So traf es sich gut, dass das Rheinisch-Westfälische-Elektrizitätswerk (RWE), mit dem Stinnes wirtschaftlich eng verflochten war, im nah gelegenen Knapsack ein Kraftwerk errichten wollte. Die Investoren hatten potentielle Verbraucher im Auge, die große Strommengen als Grundlast rund um die Uhr abnehmen könnten. Die elektrochemische Industrie galt als solch ein Wirtschaftszweig mit hohem Energieverbrauch. Die Entscheidung für den Standort Lülsdorf war gefallen. Mit dem Bau des Chemiewerks veränderte sich auch das Stadtbild drastisch: Rund 55 Hektar – dies entspricht einer Fläche von 77 Fußballfeldern – wurden hierfür bebaut. Grundstücksnachkäufe nach 1945 erweiterten das Werkgelände auf 100 Hektar. Nachdem 1914 die Produktion angelaufen waren, stellte sich die Anwerbung von geeigneten Fachkräften als äußerst schwierig dar: Es gab in der näheren Umgebung schlichtweg keine qualifizierten Arbeitskräfte. Sie wurden daher aus anderen Gegenden rekrutiert. Doch für diese Arbeiter und ihre Familien gab es zunächst keinen Wohnraum in Lülsdorf. Deshalb wurde 1914 eine provisorische Arbeiterkolonie für 13 Familien errichtet. Bereits drei Jahre später musste die Arbeiterbaracke erweitert werden. Mit dem begonnenen Wohnungsbau war das Problem der Unterbringung allerdings nicht nachhaltig gelöst. So wurden bis 1920 weitere 20 Häuser errichtet, die sich in der heutigen Porzer- Straße und der Liebigstraße befinden. 1962 verfügte das Werk über mehr als 200 mit Firmenmitteln erbaute Wohnungen sowie 200 weitere angemietete Wohnungen und Eigenheime. Durch den Bau des Chemiewerkes verbesserte sich auch die Verkehrsinfrastruktur in der Region deutlich. So wurde beispielsweise der Bau des Schienennetzes von Siegburg nach Lülsdorf und später bis nach Zündorf und der Strecke von Porz bis Zündorf stark beschleunigt.

Zunächst um den Güterverkehr zu vereinfachen, aber auch die Personenbeförderung wurde dadurch ermöglicht. Auch dieses Projekt lag in dem Interesse von RWE, Abnehmer von großen Mengen an Strom zu finden. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung in und um Lülsdorf und Ranzel rasant an: Wohnten in Lülsdorf und Ranzel 1905 lediglich 835 Einwohner, so waren es 1961 bereits rund 3000. Heute leben in beiden Ortsteilen etwa 15.000 Menschen. In den Jahren nach 1920 war der Zuwachs an Kindern sehr groß, weshalb 1926 über einen Anbau an das Schulhaus in Lülsdorf nachgedacht wurde. Man entschied sich aber schließlich dagegen und investierte stattdessen in einen Schulneubau in Ranzel. Die Werkleitung erklärte sich bereit, die Mehrkosten zu übernehmen. So konnte Pfarrer Dr. Johann Gerhard Koch 1927 die neue Volksschule Ranzel einweihen. Auch heute liegt dem Werk die benachbarten Schulen am Herzen: Mit dem Kopernikus-Gymnasium in Niederkassel besteht beispielsweise seit Jahren eine enge Verbindung. Schulklassen haben unter anderem die Gelegenheit, den Standort kennenzulernen und ausgewählte Produktionsbetriebe zu besichtigen. In den 1990er Jahren ging die Kooperation sogar so weit, dass Mitarbeiter des Werks in die Schule gingen und die Schüler unterrichteten. Für die Nachbarn des Standortes und andere Interessierte stehen die Tore des Werkes alle 3 Jahre, am „Tag der Offenen Tür“, offen.

Der Bau der Feldmühlestraße

Bereits 1920 gab es erste Bestrebungen das Werk mit der dazugehörigen Hafenanlage am Rhein zu verbinden. Der Gierslinger Weg, der Lülsdorf mit Niederkassel verband, den Standort aber vom Fluss trennte, wurde mit steigender Produktion immer stärker frequentiert. Es dauerte aber noch mehr als 30 Jahre bis es dem damaligen Werkleiter Dr. Karl Hass nach mehrmonatigen Verhandlungen mit der Gemeinde gelang, den Bereich des Gierslinger Wegs vor der ehemaligen Hauptpforte aufzukaufen.
Die Feldmühle AG wurde verpflichtet, die heutige Feldmühlestraße von der Einbiegung Deutz-Mondorfer-Straße bis zur Berliner Straße zu bauen, Ausgleichszahlungen an das Amt Niederkassel und die Gemeinde Lülsdorf zu gewähren und weitere Parzellen und Wirtschaftswege zu einem festgelegten Preis zu kaufen.