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Pressemitteilung
Standort Lülsdorf
2. Juli 2013

Teil 10: Vom Aufschwung zum Wirtschaftswunder

In den ersten Jahren nach dem Weltkrieg waren die Verantwortlichen des Werks in Lülsdorf mit dem hohen Produktbedarf beschäftigt. Von Desinfektionsmitteln bis Edelkorunden war so ziemlich alles gefragt. Die im Krieg zerstörten Anlagen wurden wieder instand gesetzt. Bereits in den frühen 50er Jahren begannen die Arbeiten an Neubauten am Standort. Durch die betriebliche Vergrößerung erhöhten sich die Produktionsmengen. (Teil 9 unserer Serie). Eine für die Weiterentwicklung der Fabrik äußerst bedeutsame Produktpalette stellten die Alkali-Alkoholate dar. Diese Folgeprodukte der Elektrolyse sind Spezialchemikalien, die als Synthese-Hilfsmittel große Bedeutung in der Agro-, Pharma und Nahrungsmittelindustrie erlangten. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach salzfreien Laugen ersetzte die Firma das veraltete Siemens- Billiter-Diaphragma-Verfahren durch das kostengünstigere Quecksilber-Verfahren. Die Quecksilberleistenzellen wurden bis 1955 in den Elektrolyse-Prozess integriert. Die so hergestellten hochwertigen Laugen durften bei der Einschmelzung aber nicht mit Eisen verunreinigt werden. Daher errichtete das Werk eine neue Anlage, die mit Reinst-Nickel-Apparaturen und Armaturen ausgestattet war. Für die Erzeugung des benötigten Hochdruckdampfs wurde zu dieser Zeit Kohlestaub eingesetzt, weshalb auch ein Kohlestaubbunker erforderlich war. Da die Kosten dieses Verfahrens waren jedoch sehr hoch waren, wich man auf das preisgünstige Heizöl aus und errichtete 1956 dazu ein Heizkraftwerk mit Ölfeuerung. Der Aufschwung im Werk setzte sich weiter fort: Die Kapazität der Salzsäure-Anlage konnte auf nun 10 Tonnen pro Tag gesteigert werden und die Verbesserungsmaßnahmen im Chlorat-Betrieb führten dazu, dass die gesamten Chlorbestände verflüssigt und weiterverkauft werden konnten.

 

Höhere Qualitätsanforderungen

Der wachsende Konkurrenzdruck und die steigenden Qualitätsanforderungen trugen ebenfalls zur guten Konjunktur am Standort Lülsdorf bei. Basierend auf der Chloralkali-Elektrolyse war man bestrebt, das Verbundsystem immer weiter auszubauen. Natriumaluminat, dessen Rohstoffe zur Herstellung auf Zwischenprodukten des Werkes basierten, wurde so zum Beispiel von der Forschungsabteilung zur Produktionsreife entwickelt, einen Prozess den sie kontinuierlich weiterentwickelten und verbesserten.
Das Produkt fand Verwendung bei der Papierherstellung und als Betonbeschleuniger im Tunnelbau. Weiterhin spielten die Alkoholate eine große Rolle, denn deren Nachfrage stieg weiterhin. Die Herstellung im Technikum wurde bald zu klein und erforderte eine neue Produktionsanlage, einschließlich eines unterirdischen Tanklagers für Ethyl- und Methylalkohol. Der Umweltschutz spielte in den Folgen des raschen Aufschwungs eine eher untergeordnete Rolle. Der Rhein bekam seinerzeit den Beinamen „Kloake Europas“ (Lesen Sie dazu Teil 11 unserer Serie).

Zur Zeit des Wirtschaftswunders, wie die Zeit der 50er Jahren im Nachhinein genannt wurde, war der konjunkturelle Aufschwung so groß, dass der Bedarf an Arbeitskräften nur durch Gastarbeiter aus dem Ausland gedeckt werden konnte. Im Zuge dessen kamen vor allem Italiener und später auch Griechen nach Lülsdorf und fanden in der ausgebauten Kolonie Platz zum Wohnen. Zu Beginn der 60er Jahre verfügte die Firma inzwischen mehr als 200 mit Firmenmitteln erbaute Wohnungen. Zusätzlich gab es auch noch fast 200 Wohnungen, die zusammen mit der Wohnungsbaugesellschaft Siegburg entstanden waren. Die Werkskolonie Ranzel zählte nun rund 650 Einwohner. Mit Beschließung des Pachtvertrags am neunten Januar 1962 wurde das Werk in Lülsdorf aus dem Feldmühle-Konzern aus- und in den Dynamit Nobel-Konzern eingegliedert. Der Name lautete von da an Dynamit Nobel AG, Werk Feldmühle Lülsdorf.

Das Wirtschaftswunder

Das Schlagwort Wirtschaftswunder beschreibt das unerwartet schnelle und nachhaltige Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Ausgelöst wurde die wirtschaftliche Hochkonjunktur vor allem durch den 1947 beschlossenen Marshallplan und die damit verbundene Währungsreform ein Jahr später. Außerdem wurde die soziale Marktwirtschaft eingeführt, weshalb das reale Sozialprodukt besonders hohe Wachstumsraten verzeichnete. Lebte die deutsche Bevölkerung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs größtenteils in bitterlicher Armut, verschaffte das Wirtschaftswunder den Menschen schnell materiellen Wohlstand und Arbeitsplätze.