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Pressemitteilung
Standort Lülsdorf
13. Juni 2013

Teil 8: Die Nachkriegszeit

Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht beendete am 7. Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa. Die Siegermächte teilten Deutschland in vier Sektoren auf, Lülsdorf fiel unter die Kontrolle der britischen Besatzung. Die Briten ernannten Dr. Harry Strötzel zum kommissarischen Werkleiter. Ihm war es auch zur Zeit des kriegsbedingten Produktionsstillstands (Teil 7 unserer Serie) zu verdanken, dass die verlassenen Anlagen nicht Plünderungen zum Opfer fielen. Als Koloniebewohner hatte Strötzel mit den Männern der Werksiedlung einen Wachdienst organisiert. Auf Anordnung der britischen Militärbesatzung wurde in Lülsdorf ab Juni 1945 Chlor produziert. Die Chemikalie wurde benötigt, um das Trinkwasser der umliegenden Städte zu desinfizieren. Aus diesem Grund wurde für die Elektrolyse eine elektrische Leistung von 2,55 Millionen Kilowattstunden pro Monat genehmigt. Trotz Rohstoffknappheit und fehlenden Arbeitskräften wurden die Anlagen nach und nach instand gesetzt. Die Reparatur der Gebäude, insbesondere die der beschädigten Dachflächen, nahm sehr viel Zeit in Anspruch, da technische Hilfsmittel fehlten. Dennoch konnten bereits im November 1945 die ersten Siemens-Billiter-Zellen für die Elektrolyse wieder in Betrieb genommen werden. Trotz zahlreicher Stromausfälle wurden neben Chlor bereits 650 Tonnen verschiedene Chemieprodukte und 27.000 Kubikmeter Wasserstoff im Monat erzeugt. Der Wiederaufbau war im vollen Gange. Doch noch immer fehlten die Arbeitskräfte und auch die Lebensbedingungen der Mitarbeiter waren beschwerlich.

 

Aufschwung durch die Währungsreform

Nur langsam meldeten sich die Arbeiter nach ihrer Rückkehr von der Front oder aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Viele waren darüber hinaus damit beschäftigt, für sich und ihre Familie Lebensmittel für den täglichen Bedarf zu beschaffen. Im näheren Umfeld von Lülsdorf fanden sie Kartoffeln, bisweilen waren aber auch Reisen bis nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen notwendig. Not und Mangel am Allernötigsten bestimmte den Alltag der Menschen. Um die Produktion in Lülsdorf überhaupt am Laufen zu halten, wurden daher zeitweise sogar Strafgefangene aus der Strafanstalt Siegburg in den Betrieben des Werks eingesetzt. Der Fortschritt im Werk ging jedoch weiter. 1947 wurde die Produktion erneut erhöht, neue Mitarbeiter mussten eingestellt und untergebracht werden. Die Möglichkeit zu arbeiten, erfreute viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten, jedoch war in der Umgebung Lülsdorf, Niederkassel und Ranzel kaum Wohnraum verfügbar. Um die Mitarbeiter unterzubringen, wurde deshalb außerhalb des Werkzauns eine zweite Baracke erstellt, die Platz für etwa zwanzig Familien bot. 

Weiteren Schwung in die gebeutelte Wirtschaft der Nachkriegszeit brachte schließlich die Währungsreform, die die drei Besatzungsmächte 1948 beschlossen. Dadurch konnte die durch den Krieg verursachte grassierende Inflation gestoppt werden. Schon bald machte sich eine rasante Aufwärtsentwicklung in der Industrie bemerkbar. Wurden in Lülsdorf bisher die Gebäude und Produktionsbetriebe lediglich wieder aufgebaut und repariert, konnte Ende 1948 der erste Neubau, eine Salzsäure-Anlage, errichtet werden.

Die Lebensbedingungen in der Nachkriegszeit 

Seit Mitte Dezember herrscht ein sehr strenger Winter, der immer härter trifft, da der Bevölkerung kein Brand zugeteilt wird, weder Holz noch Kohlen. Was von einigen probiert wird, wird bald von vielen geübt: „Man geht kohlen“, das heißt man holt sich Braunkohlen von dem Werksgelände am Rhein (Feldmühle AG). Auch die Jugend wird geschickt. So bedauerlich und verderblich das ist, so weiß doch jeder, dass die Bevölkerung sich nicht anders helfen kann. Auch die Werksleitung drückt oft ein Auge zu.

Auszug aus der Schulchronik Lülsdorf von 1946