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Pressemitteilung
Standort Lülsdorf
21. Mai 2013

Teil 5: Das Werk Lülsdorf in den Weimarer Krisenjahren

Neben den Folgen des Ersten Weltkrieges (Teil 4 unserer Serie) waren es in den Anfangsjahren auch zwischenmenschliche Zerwürfnisse, die den Betrieb in Lülsdorf immer wieder vor Schwierigkeiten stellten. So kam es an der Spitze der Werksleitung allein im Jahr 1915 zu insgesamt drei personellen Wechseln. Erst mit dem Direktor Isidor Königsberg trat im Januar 1916 schließlich eine energische und kompetente Persönlichkeit an die Spitze der Fabrik. Der von Hugo Stinnes in diesem Jahr als Vertriebsleiter der Deutschen Wildermann-Werke eingesetzte Friedrich-Wilhelm Minoux hatte zu Königsberg von Anfang an jedoch ein gespanntes Verhältnis.

Bei seinen Querelen mit Minoux hatte Königsberg 1917 im Aufsichtsrat noch die Rückendeckung. Er stolperte jedoch über den ungeklärten Diebstahl größerer Mengen Quecksilber sowie seinen als taktlos empfundenen Umgang gegenüber russischen Gefangenen. Nachfolger von Direktor Königsberg wurde im Januar 1918 Dr. Karl Waldeck. Er engagierte sich wenig später auch als Gemeindeverordneter in der Lokalpolitik. Doch auch er hatte kein glückliches Händchen. Nach dreijähriger Tätigkeit geriet er wegen seines rüden Stils immer mehr unter Druck und schied im Streit mit der Firmenleitung im März 1921 aus. Anschließend wurden Dr. Carl Bechtel als Werksleiter und Dr. Ludwig Holch als Betriebsleiter eingeführt.

Vertriebsleiter Friedrich-Wilhelm Minoux, der selbst kein Chemiker war, erkannte früh die Schwächen des Wildermann-Verfahrens (Teil 2 unserer Serie) und forcierte die Umstellung auf das bei anderen Firmen bereits erfolgreich angewandte Siemens-Billiter-Verfahren (Teil 4 unserer Serie).

 

Das Krisenjahr 1923 fand auch im Werk in Lülsdorf seinen Niederschlag.
Aus den Erinnerungen des damaligen
Elektromeisters Josef Winter.

„Nicht fremde Aufrührer, sondern unsere eigene Belegschaft legte am 4. Dezember 1923 das Werk still und besetzte es regelrecht. Haufenweise rotteten sie sich zusammen und bedrohten die Vorgesetzten und ihre Familien. Als die Arbeiter das Werk ein paar Wochen besetzt hatten, sahen sie ein, was sie gemacht hatten. Die Henne, die die Eier legen sollte, hatten sie getötet. Der Zellenbau fing an, ein Schrotthaufen zu werden.“

So wurden 1923 für das Verfahren weitere 56 Siemens-Billiter-Zellen in dem neu errichteten Bau 7 in Betrieb genommen. Bis zum Sommer 1929 war der Endausbau von 224 Zellen erreicht.

Preisverhandlungen mit der RWE schaffen Grundlage

Auch die Produktpalette wurde nach dem Ersten Weltkrieg Stück für Stück erweitert. So wurden 1922 erste Anlagen zur Herstellung von Pottasche und Bikarbonat errichtet und wenig später auch eine Anlage für Bohnerwachs in Betrieb genommen. Doch der einsetzende Währungsverfall setzte dem Werk erneut zu. Verhandlungen über Strompreis-Erhöhungen mit dem RWE ließen sich nicht umgehen. Die Preisbasis lag
1919 noch bei 2 Pfennig/Kilowattstunde. Dieser stieg mit Einsetzen der Inflation bis Ende 1920 auf sage und schreibe 25 Pfennig/ Kilowattstunde an. Im Oktober 1923 kam es über das Thema Inflation und Währungsreform zum Streit zwischen Stinnes und Minoux, worauf der letztgenannte aus dem Konzern ausschied. Sein Nachfolger wurde Professor Hilpert. Hugo Stinnes versprach sich von der Inflation Vorteile für sein auf Kreditbasis finanziertes Firmenkonsortium (Teil 1 unserer Serie).

Er unterstützte während der französischbelgischen Ruhrbesetzung (1923 bis 1925) die Politik des „passiven Widerstands“ und stellte gleichzeitig finanzielle Mittel für Sabotage-Akte zur Verfügung. Doch auch nach Ende des Krisenjahres 1923 hatte das Werk aufgrund der angespannten Wirtschaftslage anfänglich noch Absatzprobleme für seine Erzeugnisse. Wenig später wurde der 1914 mit der RWE geschlossene Stromlieferungsvertrag aufgehoben. In einem neuen Liefervertrag kam es 1924 zu der Vereinbarung, dass das RWE der Koholyt AG bis einschließlich 1930 Strom liefern sollte. Vereinbart wurde ein Preis von 1,6 Goldpfennig je Kilowattstunde auf Dollar-Basis. Dies schuf für das Werk eine wichtige Grundlage für die wirtschaftliche Erholung der kommenden Jahre.